Stickstoffnarkose wird häufig über ihre Symptome beschrieben.
Euphorie.
Langsamere Reaktionen.
Tunnelblick.
Vergesslichkeit.
Unsicherheit.
Oder das berühmte Gefühl, irgendwie „betrunken“ zu sein.
Doch für die Sicherheit eines Tauchers ist möglicherweise etwas anderes viel entscheidender:
Was passiert, wenn die Narkose nicht nur das Denken verändert – sondern gleichzeitig die Fähigkeit beeinträchtigt, eine schlechte Entscheidung als schlecht zu erkennen?
Denn ein offensichtlicher Fehler ist oft beherrschbar.
Der Taucher erkennt ihn.
Er stoppt.
Korrigiert.
Oder sein Team greift ein.
Problematischer wird es, wenn eine falsche Handlung im eigenen Kopf weiterhin vollkommen logisch erscheint.
Genau hier treffen mehrere Forschungslinien aufeinander.
Eine Untersuchung fand bereits in 20 Metern eine selektive Beeinträchtigung der inhibitorischen Kontrolle – also jener Fähigkeit, automatische oder unangemessene Reaktionen zu unterdrücken.
Eine andere Studie zeigte bei 30 Metern schlechtere Leistung in einer komplexen Entscheidungsaufgabe.
Gleichzeitig konnten subjektive Einschätzungen in einer EEG-Untersuchung nicht zuverlässig zwischen einer narkotischen Luft- und einer Heliox-Exposition unterscheiden.
Kurz erklärt
Eine gute Entscheidung unter Wasser besteht nicht nur darin, die richtige Antwort zu kennen.
Der Taucher muss zunächst erkennen, dass sich überhaupt etwas verändert hat.
Dann muss er relevante von irrelevanten Informationen unterscheiden.
Eine spontane Reaktion gegebenenfalls unterdrücken.
Mehrere Alternativen vergleichen.
Eine Handlung auswählen.
Und anschließend kontrollieren, ob diese Handlung tatsächlich das gewünschte Ergebnis erzeugt.
- inhibitorische Kontrolle
- Arbeitsgedächtnis
- kognitive Flexibilität
- Aufmerksamkeitssteuerung
- Selbstregulation
- Entscheidungsprozesse
- Fehlerüberwachung
Diese Funktionen werden besonders wichtig, wenn eine Situation neu oder unerwartet ist.
Stickstoffnarkose scheint dabei nicht einfach alle geistigen Funktionen gleichzeitig auszuschalten.
Das macht die Sache kompliziert.
Ein Taucher kann weiterhin seine Lampe bedienen, seinen Computer ablesen und ein bekanntes Verfahren durchführen – und trotzdem bei einer neuen Situation schlechter entscheiden.
Das Wichtigste auf einen Blick
- Stickstoffnarkose betrifft nicht nur Reaktionszeit oder „Rauschgefühl“, sondern kann höhere kognitive Funktionen beeinflussen.
- Bei 20 Metern wurde experimentell eine Verschlechterung der inhibitorischen Kontrolle festgestellt.
- Andere getestete exekutive Funktionen waren in derselben Untersuchung nicht signifikant verändert.
- Narkose wirkt deshalb nicht zwangsläufig wie eine gleichmäßige Verlangsamung des gesamten Gehirns.
- Bei 30 Metern erzielten Taucher in einer komplexen Entscheidungsaufgabe schlechtere Ergebnisse als Taucher in fünf Metern.
- Gute Entscheidungen erfordern mehr als Wissen: automatische Reaktionen müssen unterdrückt, Alternativen bewertet und Ergebnisse kontrolliert werden.
- Subjektives Empfinden ist kein zuverlässiger Monitor der tatsächlichen Stickstoffwirkung.
- In einer EEG-Studie konnten subjektive Bewertungen die narkotische Luft-Exposition nicht zuverlässig von einer Heliox-Exposition bei gleichem Druck unterscheiden.
- Das bedeutet jedoch nicht, dass Taucher grundsätzlich nicht bemerken können, dass sie beeinträchtigt sind.
- Eine direkte Metakognitionsstudie fand, dass Taucher ihre verschlechterte Gedächtnisleistung unter bestimmten Bedingungen durchaus erkannten.
- Die Evidenz spricht deshalb eher für ein situations- und aufgabenabhängiges Problem der Selbsteinschätzung als für einen vollständigen Verlust der Selbstwahrnehmung.
- Besonders kritisch sind komplexe und unbekannte Situationen, in denen kein eindeutiges Feedback zeigt, dass eine Entscheidung falsch ist.
Eine Entscheidung besteht aus mehreren Schritten
Stellen wir uns einen technischen Tauchgang vor.
Ein Taucher bemerkt plötzlich, dass sein Gasverbrauch deutlich höher ist als erwartet.
Die Entscheidung lautet nicht einfach:
„Umkehren oder weitertauchen?“
Bevor diese Entscheidung getroffen wird, muss das Gehirn mehrere Arbeitsschritte durchführen.
Veränderung erkennen
Ist der Flaschendruck tatsächlich ungewöhnlich?
Ursache einordnen
Liegt ein Leak vor? War der Verbrauch bereits vorher erhöht? Ist die Anzeige plausibel?
Erste Reaktion kontrollieren
Nicht impulsiv handeln, sondern zunächst die Situation stabilisieren.
Informationen zusammenführen
Tiefe, Distanz, Gasvorrat, Team, Dekompression und mögliche Ausgänge müssen gemeinsam betrachtet werden.
Optionen vergleichen
Weitertauchen? Umkehren? Gas teilen? Route verändern?
Entscheidung treffen
Eine Handlungsoption auswählen und umsetzen.
Ergebnis überwachen
Verbessert die Handlung die Situation tatsächlich?
Diese Prozesse hängen stark von exekutiver Kontrolle ab.
Und genau dort finden wir einige der interessantesten Ergebnisse der Narkoseforschung.
20 Meter: Wenn das Gehirn die falsche Reaktion schlechter unterdrückt
2017 untersuchten Fabian Steinberg und Michael Doppelmayr 20 zertifizierte Taucher.
Die Teilnehmer absolvierten an Land sowie in fünf und 20 Metern Tiefe mehrere Tests exekutiver Funktionen.
Inhibition
Kann eine automatische oder unangemessene Reaktion unterdrückt werden?
Task Switching
Wie gut kann zwischen unterschiedlichen Aufgaben gewechselt werden?
Arbeitsgedächtnis
Wie gut können kurzfristig Informationen gespeichert und verarbeitet werden?
Reaktionszeit
Wie schnell wird auf einen einfachen Reiz reagiert?
Besonders interessant war der Stroop-Test.
Dabei muss eine automatische Reaktion unterdrückt werden.
Wenn beispielsweise das Wort „ROT“ in blauer Farbe dargestellt wird, muss die Versuchsperson die Farbe nennen – nicht das automatisch gelesene Wort.
Der Test verlangt genau etwas, das unter Wasser entscheidend sein kann: Eine intuitive oder automatische Reaktion muss zugunsten einer kontrollierten Handlung unterdrückt werden.
Was geschah in 20 Metern?
Bei den komplexen, inkongruenten Stroop-Aufgaben reagierten die Taucher in 20 Metern signifikant langsamer.
Gegenüber Land
+ etwa 51 ms
Die Reaktionszeit verlängerte sich um ungefähr neun Prozent.
Gegenüber 5 Metern
+ etwa 55 ms
Auch gegenüber der flacheren Unterwasserbedingung war die Reaktion langsamer.
Die Autoren interpretierten dies als Verschlechterung der inhibitorischen Kontrolle.
Interessanterweise waren nicht alle getesteten Funktionen gleichermaßen betroffen.
Inhibitorische Kontrolle
Bei den komplexen Stroop-Aufgaben zeigte sich eine signifikante Verschlechterung.
Andere Funktionen
Task Switching, das untersuchte Arbeitsgedächtnis und einfache Reaktionszeit zeigten keine vergleichbare signifikante Verschlechterung.
Bestimmte Kontrollfunktionen könnten früher auffällig werden als andere.
Warum inhibitorische Kontrolle unter Wasser so wichtig ist
Stell dir einen Taucher mit plötzlich eingeschränkter Gasversorgung vor.
Eine sehr starke automatische Reaktion wäre:
Bei einem flachen Freiwassertauchgang könnte das bereits problematisch sein.
Bei einem dekompressionspflichtigen Tauchgang wäre es möglicherweise gefährlich.
In einer Höhle ist es keine Lösung.
Der Taucher muss den Impuls unterdrücken und stattdessen ein erlerntes Verfahren ausführen.
Impuls
Die unmittelbare Reaktion lautet möglicherweise: schnell aus der Situation heraus.
Inhibition
Die automatische Reaktion wird bewusst unterdrückt.
Verfahren
Das trainierte Notfallverfahren wird ausgeführt.
Kontrolle
Der Taucher überprüft, ob die Maßnahme funktioniert und passt sie gegebenenfalls an.
Training versucht genau das zu erreichen.
Aus einer chaotischen Problemsituation soll eine standardisierte Handlungskette werden.
Aber die zugrunde liegende Fähigkeit zur Kontrolle bleibt relevant.
Dann kommt das zweite Problem: Welche Option ist eigentlich die beste?
Eine Entscheidung kann vollkommen ruhig getroffen werden und trotzdem falsch sein.
Der Taucher muss dafür nicht panisch sein.
Er muss nicht lachen.
Er muss nicht verwirrt aussehen.
Genau diese Ebene untersuchten Pauliina Ahti und Jan Wikgren 2023.
Der Iowa Gambling Task unter Wasser
Die Forscher untersuchten 22 Taucher.
Vergleichsgruppe
Elf Taucher absolvierten den Test in fünf Metern Tiefe.
Tiefengruppe
Elf Taucher absolvierten denselben Test in 30 Metern Tiefe.
Die Taucher verwendeten unter Wasser Tablets und bearbeiteten den sogenannten Iowa Gambling Task.
Der Test wurde entwickelt, um komplexes Entscheidungsverhalten unter Unsicherheit zu untersuchen.
Die Versuchsperson bekommt wiederholt Möglichkeiten, die kurzfristig attraktiv erscheinen können, langfristig jedoch ungünstig sind.
Andere Optionen liefern kleinere unmittelbare Gewinne, führen über längere Zeit jedoch zu einem besseren Gesamtergebnis.
Viele schlechte Entscheidungen unter Wasser sind nicht sofort offensichtlich schlecht. Sie können kurzfristig funktionieren und erst später die verfügbaren Sicherheitsreserven reduzieren.
„Es geht doch noch“
Eine typische problematische Entscheidung während eines Tauchgangs könnte lauten:
„Wir schwimmen noch fünf Minuten weiter.“
Das funktioniert zunächst.
Es entsteht nicht unmittelbar ein Unfall.
Vielleicht sieht sogar alles vollkommen normal aus.
Aber gleichzeitig werden:
- Gasreserven kleiner
- die Penetration größer
- Dekompressionsverpflichtungen länger
- die verfügbare Zeit geringer
- die Zahl möglicher Alternativen kleiner
Die schlechte Entscheidung erzeugt also zunächst keinen sofortigen negativen Effekt.
Das ist einer der Gründe, warum komplexe Entscheidungen gefährlicher sein können als einfache Aufgaben.
Das Ergebnis bei 30 Metern
Die Taucher in 30 Metern erzielten im Iowa Gambling Task einen durchschnittlichen Score von 1.584,5 Punkten.
Die Gruppe in fünf Metern erreichte durchschnittlich 2.062,5 Punkte.
5 Meter
2.062,5 Punkte
Durchschnittlicher Score der flacheren Vergleichsgruppe.
30 Meter
1.584,5 Punkte
Durchschnittlicher Score unter höherer narkotischer Gasbelastung.
Alter, Geschlecht, BMI und die Zahl der bisherigen Tauchgänge erklärten den Leistungsunterschied in dieser kleinen Stichprobe nicht.
Die Autoren folgerten, dass Gasnarkose bereits bei 30 Metern höhere kognitive Funktionen wie Entscheidungsfindung beeinflussen kann.
22 Teilnehmer erlauben keine exakte individuelle Risikovorhersage. Die Untersuchung zeigt auch nicht, dass jeder Taucher bei 30 Metern jede Entscheidung schlechter trifft.
Aber sie widerspricht deutlich einer Vorstellung:
Warum eine schlechte Entscheidung nicht wie eine schlechte Entscheidung aussehen muss
Hier liegt ein wichtiger Unterschied zwischen einer Wissensfrage und einer realen Entscheidung.
Eindeutige Antwort
Bei einer Frage wie „2 + 2 = ?“ lässt sich ein Fehler sofort erkennen.
Unsicherheit
Bei realen Situationen müssen mehrere unvollständige Informationen bewertet und gegeneinander abgewogen werden.
Eine reale Entscheidung könnte lauten:
- Soll der Tauchgang jetzt beendet werden?
- Ist die Strömung bereits zu stark?
- Ist der Atemwiderstand ungewöhnlich?
- Ist der Gasverbrauch noch akzeptabel?
- Sollte ein Teammitglied aus dem Tauchgang genommen werden?
- Ist ein Problem ernst genug, um den Plan abzubrechen?
Hier gibt es häufig keinen Moment, in dem ein Bildschirm blinkt:
Das Gehirn muss selbst beurteilen, ob seine eigene Entscheidung sinnvoll war.
Und dafür benötigt es erneut funktionierende exekutive Kontrolle.
Genau hier entsteht das Paradox
Um einen eigenen Fehler zu erkennen, muss das Gehirn seine eigene Leistung überwachen.
Das wird häufig als Metakognition beschrieben.
Vereinfacht bedeutet Metakognition: Denken über das eigene Denken.
Ein Taucher muss beispielsweise beurteilen:
- Bin ich sicher, dass ich diese Information richtig verstanden habe?
- Habe ich gerade etwas vergessen?
- Ist diese Entscheidung wirklich sinnvoll?
- Warum macht mein Buddy etwas anderes?
- Könnte meine eigene Einschätzung falsch sein?
Das Problem ist offensichtlich.
Wenn genau jene kognitiven Systeme belastet werden, die Entscheidungen treffen und kontrollieren, kann auch die Qualität dieser Selbstkontrolle problematisch werden.
Erkennt ein narkotisierter Taucher seine Beeinträchtigung wirklich nicht?
Nicht grundsätzlich.
Und genau hier wird die Forschung besonders interessant.
Malcolm Hobbs, Philip Higham und Wendy Kneller untersuchten diese Frage direkt.
In zwei Feldexperimenten wurden Taucher in flachem Wasser und in 33 bis 42 Metern Tiefe getestet.
Die Forscher untersuchten nicht nur das Gedächtnis.
Sie fragten gleichzeitig:
Können die Taucher beurteilen, dass ihr Gedächtnis schlechter geworden ist?
Das überraschende Ergebnis
Die Gedächtnisleistung wurde in der Tiefe tatsächlich schlechter.
Sowohl freier Abruf als auch Abruf mit Hinweisen waren beeinträchtigt.
Aber:
Auch ein Maß dafür, wie gut sie einzelne eigene Gedächtnisleistungen einschätzen konnten, verschlechterte sich nicht signifikant.
Gedächtnis
Die tatsächliche Gedächtnisleistung verschlechterte sich in größerer Tiefe.
Selbsteinschätzung
Die Taucher erkannten unter den Bedingungen dieser Untersuchung, dass ihre Leistung schlechter geworden war.
Die Autoren kamen deshalb zu einem wichtigen Ergebnis:
Eine verschlechterte Selbsteinschätzung muss bei 33 bis 42 Metern nicht zwangsläufig Bestandteil der Narkose sein.
Das widerspricht einer einfachen Geschichte.
Und genau deshalb ist die Studie so wichtig.
Also stimmt der Titel nicht?
Doch – wenn wir ihn richtig verstehen.
„Warum Betroffene ihre Fehler oft nicht erkennen“ bedeutet nicht:
Stickstoffnarkose zerstört grundsätzlich die Selbstwahrnehmung.
Das wäre wissenschaftlich nicht haltbar.
Die bessere Aussage lautet:
Und dafür gibt es gute Hinweise.
Subjektives Empfinden und objektive Wirkung können auseinanderlaufen
Genau das zeigte die EEG-Untersuchung von Vrijdag und Kollegen besonders anschaulich.
Die Probanden wurden unter anderem bei 608 kPa – ungefähr sechs Atmosphären absolut – mit Luft und Heliox untersucht.
Hyperbare Luft
Die funktionelle Vernetzung des Gehirns veränderte sich deutlich.
Hyperbares Heliox
Die Veränderung trat nicht in derselben Weise auf.
Anschließend wurden auch subjektive Einschätzungen ausgewertet.
Die Teilnehmer empfanden Aufgaben bei hohem Druck als mental und körperlich anspruchsvoller.
Das Problem:
Die subjektive Veränderung trat sowohl bei Luft als auch bei Heliox auf. Dadurch ließ sich der spezifische narkotische Stickstoffeffekt anhand des eigenen Empfindens nicht zuverlässig identifizieren.
Die subjektiven Bewertungen konnten also den spezifischen Stickstoffeffekt nicht zuverlässig unterscheiden.
Das ist ein entscheidender Unterschied
Ein Taucher kann sehr wohl merken:
„Dieser Tauchgang ist anstrengender.“
Er kann merken:
„Ich bin müde.“
Er kann sogar merken:
„Ich fühle mich etwas narkotisiert.“
Aber daraus folgt noch nicht, dass er korrekt beurteilen kann:
Das sind unterschiedliche Fragen.
Vier Ebenen der Selbstwahrnehmung
Gefühl
„Ich fühle mich anders.“
Allgemeine Beeinträchtigung
„Ich glaube, ich bin etwas narkotisiert.“
Konkrete Leistungsfähigkeit
„Meine Fähigkeit, eine komplexe Situation zu beurteilen, ist gerade reduziert.“
Konkrete Fehlererkennung
„Die Entscheidung, die ich gerade getroffen habe, ist wahrscheinlich falsch.“
Ein Taucher kann Ebene 1 und 2 durchaus erkennen.
Das bedeutet nicht automatisch, dass Ebene 3 und 4 immer zuverlässig funktionieren.
Warum Routine die Situation zusätzlich verschleiern kann
Ein erfahrener Taucher besitzt einen enormen Vorteil.
Viele Handlungen laufen automatisiert ab.
Er muss nicht bewusst überlegen:
- wie er seinen Inflator bedient
- wie eine Stage abgegeben wird
- wie ein Longhose gespendet wird
- wie ein Jump gesetzt wird
- wie die Position zum Team gehalten wird
Das spart kognitive Ressourcen.
Aber genau dadurch kann ein falscher Eindruck entstehen.
„Ich kann doch noch alles machen.“
Das kann stimmen.
Für Routineaufgaben.
Die entscheidende Frage ist jedoch:
Denn exekutive Funktionen werden besonders dann gebraucht, wenn Routinen nicht mehr ausreichen.
Ein Beispiel aus dem technischen Tauchen
Angenommen, ein CCR-Taucher sieht auf seinem Handset einen ungewöhnlichen PO₂-Wert.
Routine sagt:
Das ist trainiert.
Aber jetzt stimmen zwei Sensoren überein und einer nicht.
Gleichzeitig fühlt sich das Atemgerät etwas anders an.
Der Buddy signalisiert eine Frage.
Die Tiefe verändert sich.
Und der Taucher erinnert sich nicht sicher, wann er zuletzt einen Diluent Flush durchgeführt hat.
Jetzt reicht ein einzelnes automatisiertes Verfahren möglicherweise nicht mehr.
Das Gehirn muss jetzt
- Informationen priorisieren
- Hypothesen bilden
- eine spontane Interpretation verwerfen können
- neue Informationen integrieren
- Handlungsoptionen vergleichen
- ständig prüfen, ob die bisherige Erklärung noch sinnvoll ist
Und damit genau die Art von Situation, bei der eine moderate kognitive Einschränkung relevant werden kann.
Das gefährliche Phänomen ist nicht Dummheit
Ein narkotisierter Taucher wird nicht plötzlich unintelligent.
Sein Wissen verschwindet nicht vollständig.
Er kennt seine Ausbildung weiterhin.
Er kennt Gasregeln.
Er kennt Notfallverfahren.
Er kennt seine Ausrüstung.
Das Problem kann viel subtiler sein.
Plausibilität
Eine falsche Option kann etwas plausibler wirken.
Priorität
Eine Warnung kann etwas weniger wichtig erscheinen.
Perseveration
Eine Handlung kann länger fortgesetzt werden, obwohl sie nicht funktioniert.
Alternativen
Eine andere Erklärung wird möglicherweise gar nicht erzeugt.
Impulskontrolle
Eine automatische Reaktion kann schlechter unterdrückt werden.
Fehlerkontrolle
Die eigene Handlung wird möglicherweise weniger kritisch überprüft.
Ein Unterschied von wenigen Prozent kann in einer Routineaufgabe bedeutungslos sein.
In einer Kette aus mehreren Entscheidungen kann er relevant werden.
Vom kleinen Fehler zur Fehlerkette
Tauchunfälle entstehen häufig nicht durch eine einzige spektakuläre Fehlentscheidung.
Kleine Abweichung
Ein zunächst beherrschbares Problem entsteht.
Erste Entscheidung
Der Taucher reagiert darauf.
Situation verändert sich
Die gewählte Handlung erzeugt neue Bedingungen.
Weitere Entscheidung
Die nächste Reaktion baut auf der vorherigen auf.
Fehlerkette
Aus einem kleinen Problem kann schrittweise ein komplexer Notfall entstehen.
Narkose muss dabei nicht die Ursache des ersten Problems sein.
Warum Teamtauchen hier so wichtig wird
Ein Team besitzt einen entscheidenden Vorteil:
Wenn ein Taucher eine Situation falsch bewertet, kann ein anderer sie anders interpretieren.
Das funktioniert aber nur, wenn Teammitglieder tatsächlich beobachten.
Nicht nur Ausrüstung.
Sondern Verhalten.
Mögliche Verhaltensänderungen
- Die Geschwindigkeit verändert sich.
- Eine Aufgabe dauert ungewöhnlich lange.
- Signale müssen mehrfach gegeben werden.
- Der Taucher fixiert sich auf ein einzelnes Problem.
- Standardisierte Verfahren werden plötzlich improvisiert.
- Die Position im Team verändert sich ungewöhnlich.
- Eine Entscheidung wirkt für die anderen Teammitglieder nicht nachvollziehbar.
Solche Abweichungen können wichtiger sein als die Frage:
„Fühlst du dich narkotisiert?“
Denn genau diese Selbstauskunft ist als Performance-Monitor nicht zuverlässig genug.
Standardisierung ist eine kognitive Sicherheitsreserve
Hier wird verständlich, warum technische Taucher so viel Wert auf standardisierte Verfahren legen.
Neue Entscheidung
„Was könnten wir jetzt machen?“
Bekanntes Verfahren
„Welcher bekannte Zustand liegt vor und welches trainierte Verfahren gehört dazu?“
Ein Standardverfahren reduziert die Zahl der Entscheidungen, die unter Belastung neu getroffen werden müssen.
Je mehr grundlegende Reaktionen automatisiert sind, desto mehr kognitive Kapazität bleibt für das eigentliche Problem.
Natürlich kann kein Verfahren jede Situation vollständig abdecken.
Aber genau deshalb ist Standardisierung ein wichtiger Bestandteil anspruchsvoller Tauchausbildung.
Checklisten und feste Entscheidungspunkte
Dasselbe Prinzip gilt bereits vor dem Tauchgang.
- Eine Gasregel wird vorher definiert.
- Ein Turn Pressure wird vorher definiert.
- Ein maximaler PO₂ wird vorher definiert.
- Ein akzeptierter narkotischer Bereich wird vorher definiert.
- Lost-Gas-Szenarien werden vorher gerechnet.
- Das Team legt vorher fest, welche Situationen automatisch zum Abbruch führen.
Warum?
„Wir schauen mal, wie es sich anfühlt“ ist kein Messverfahren
Dieser Satz ist beim Thema Narkose besonders problematisch.
Denn wir wissen inzwischen:
Objektive Veränderungen können auftreten, während subjektive Einschätzungen die spezifische Stickstoffwirkung nicht zuverlässig widerspiegeln.
Ein Taucher kann persönliche Symptome kennen und daraus praktische Erfahrungen ableiten. Das Gefühl, noch gut zu funktionieren, beweist jedoch nicht, dass die eigene Entscheidungsleistung unverändert ist.
Und Erfahrung?
Die Frage lautet häufig:
„Aber ein erfahrener Taucher kann doch mit Narkose umgehen?“
Teilweise wahrscheinlich ja.
Erfahrung kann die Leistung unter Belastung verbessern.
Automatisierung
Bekannte Abläufe benötigen weniger bewusste Verarbeitung.
Mustererkennung
Erfahrene Taucher können bekannte Probleme schneller einordnen.
Kleinere Entscheidungsbäume
Viele mögliche Situationen wurden bereits vorher gedanklich oder praktisch durchgespielt.
Das ist eine Form von Kompensation.
Der Taucher kann unter derselben narkotischen Belastung besser funktionieren, weil er weniger kognitive Arbeit benötigt.
Ob sich der eigentliche narkotische Effekt durch wiederholte Exposition abschwächt, ist eine andere Frage.
Und genau darum geht es im nächsten Artikel dieser Serie:
Kann man sich an Stickstoffnarkose gewöhnen?
Ein wichtiger wissenschaftlicher Widerspruch
Die wichtigsten Untersuchungen wirken auf den ersten Blick teilweise widersprüchlich.
Schaut man genauer hin, untersuchen sie jedoch unterschiedliche Teile desselben Problems.
Steinberg & Doppelmayr
20 Meter
Selektive Verschlechterung der inhibitorischen Kontrolle. Andere getestete exekutive Funktionen blieben relativ stabil.
Ahti & Wikgren
30 Meter
Schlechtere Leistung bei einer komplexen Entscheidungsaufgabe gegenüber fünf Metern.
Vrijdag et al.
Hyperbare Luft
Objektive Veränderungen funktioneller Gehirnvernetzung; subjektive Bewertungen konnten den spezifischen Stickstoffeffekt nicht zuverlässig identifizieren.
Hobbs et al.
33–42 Meter
Gedächtnisleistung verschlechterte sich, aber die Taucher konnten diese Verschlechterung unter den Versuchsbedingungen durchaus sinnvoll einschätzen.
Was wir deshalb nicht behaupten sollten
Zu pauschal. Direkte Metakognitionsstudien zeigen, dass Taucher bestimmte Leistungsverschlechterungen durchaus erkennen können.
Ebenfalls nicht belegt. Allgemeines Befinden und die zuverlässige Bewertung einer konkreten komplexen Entscheidung sind unterschiedliche Dinge.
Narkose kann Entscheidungs- und Kontrollfunktionen beeinträchtigen, während die subjektive Wahrnehmung dieser Beeinträchtigung je nach Aufgabe, Situation und Messmethode unterschiedlich zuverlässig ist.
Häufige Irrtümer
Nicht zwingend. Bewusstsein für die Belastung kann helfen, langsamer und kontrollierter zu handeln. Es bedeutet jedoch nicht, dass alle beeinträchtigten kognitiven Funktionen vollständig kompensiert werden können.
Nicht belegt. Erfahrung kann Abläufe automatisieren und dadurch die kognitive Belastung reduzieren. Sie macht das Nervensystem aber nicht automatisch immun gegen Stickstoffnarkose.
Zu pauschal. Steinberg und Doppelmayr fanden bei 20 Metern eine messbare Verschlechterung der inhibitorischen Kontrolle.
Nicht zuverlässig. Eine Studie zeigte bei 30 Metern schlechtere Entscheidungsleistung, während andere Untersuchungen zeigen, dass subjektive Wahrnehmung und objektive Stickstoffwirkung nicht immer parallel verlaufen.
Ebenfalls falsch. Hobbs und Kollegen fanden bei 33 bis 42 Metern, dass Taucher ihre verschlechterte Gedächtnisleistung durchaus erkennen konnten.
Häufig gestellte Fragen
Warum verändert Stickstoffnarkose Entscheidungen?
Entscheidungen benötigen mehrere höhere kognitive Funktionen. Dazu gehören inhibitorische Kontrolle, Informationsbewertung, Arbeitsgedächtnis, Selbstregulation und die Fähigkeit, zwischen Handlungsoptionen zu wählen. Verschiedene dieser Prozesse können unter erhöhtem Stickstoffpartialdruck beeinträchtigt werden.
Können Entscheidungen bereits bei 30 Metern schlechter werden?
Ja, zumindest experimentell wurde das gezeigt. In einer Studie mit 22 Tauchern schnitt die 30-Meter-Gruppe im Iowa Gambling Task schlechter ab als die Fünf-Meter-Gruppe.
Gibt es bereits bei 20 Metern messbare Veränderungen?
In einer Untersuchung war die inhibitorische Kontrolle bei 20 Metern beeinträchtigt, während andere getestete exekutive Funktionen nicht signifikant verändert waren.
Merkt ein Taucher selbst, dass seine Leistung schlechter wird?
Manchmal ja. Das hängt offenbar stark davon ab, was gemessen wird. Eine Gedächtnisstudie zeigte eine durchaus sinnvolle Selbsteinschätzung, während eine EEG-Studie zeigte, dass subjektive Bewertungen den spezifischen narkotischen Stickstoffeffekt nicht zuverlässig identifizierten.
Warum kann ein Taucher trotzdem einen falschen Eindruck von seiner Leistung haben?
Weil subjektives Befinden, allgemeine Wahrnehmung von Belastung, konkrete Leistungsfähigkeit und die Erkennung eines einzelnen Fehlers unterschiedliche Prozesse sind.
Hilft Erfahrung gegen Stickstoffnarkose?
Erfahrung kann wahrscheinlich vor allem über Routine, Automatisierung und bessere Problemerkennung helfen. Daraus folgt jedoch nicht automatisch eine physiologische Resistenz gegen Narkose.
Was ist inhibitorische Kontrolle?
Inhibitorische Kontrolle ist die Fähigkeit, eine automatische oder impulsive Reaktion zu unterdrücken und stattdessen kontrolliert eine passendere Handlung auszuwählen.
Warum sind standardisierte Verfahren bei Narkose hilfreich?
Weil sie die Zahl neuer Entscheidungen reduzieren. Eine bereits trainierte Handlungskette benötigt weniger spontane Problemlösung als ein vollständig neues Vorgehen.
Kann ein Taucher trotz Narkose völlig normal wirken?
Ja. Stickstoffnarkose muss sich nicht durch Euphorie, Verwirrtheit oder spektakuläres Verhalten zeigen. Ein Taucher kann Routineaufgaben weiterhin korrekt durchführen und trotzdem bei komplexen Entscheidungen beeinträchtigt sein.
Wissenschaftlich eingeordnet
Gut belegt
Erhöhter Stickstoffpartialdruck kann kognitive Leistung und höhere Kontrollfunktionen beeinflussen.
Direkt experimentell gezeigt
Inhibitorische Kontrolle war in einer Unterwasserstudie bereits bei 20 Metern verschlechtert.
Entscheidungsverhalten
Eine kleine Open-Water-Studie fand bei 30 Metern eine schlechtere Leistung in einer komplexen Entscheidungsaufgabe als bei fünf Metern.
Objektiv messbar
EEG-Untersuchungen zeigen stickstoffabhängige Veränderungen funktioneller neuronaler Netzwerke.
Nicht eindeutig
Die Selbsteinschätzung der eigenen Leistungsfähigkeit ist nicht in allen Studien gleichermaßen beeinträchtigt.
Noch offen
Wie zuverlässig Taucher während realer komplexer Störungen einzelne eigene Fehlentscheidungen erkennen, lässt sich aus den vorhandenen Studien nicht exakt quantifizieren.
Fazit
Die vielleicht gefährlichste Vorstellung über Stickstoffnarkose lautet:
„Ich werde schon merken, wenn es zu viel wird.“
Das kann stimmen.
Aber darauf sollte man sich nicht verlassen.
Forschung zeigt, dass bereits in relativ moderaten Tiefen einzelne exekutive Funktionen verändert werden können.
- Bei 20 Metern wurde eine reduzierte inhibitorische Kontrolle gemessen.
- Bei 30 Metern schnitten Taucher schlechter bei einer komplexen Entscheidungsaufgabe ab.
- Bei höherem Stickstoffpartialdruck lassen sich Veränderungen neuronaler Netzwerke direkt im EEG erfassen.
Gleichzeitig wäre es falsch zu behaupten, Narkose schalte die Selbstwahrnehmung vollständig aus.
Eine direkte Studie zur Gedächtnis-Metakognition zeigte sogar, dass Taucher ihre schlechtere Leistung in 33 bis 42 Metern durchaus erkannten.
Er kann bekannte Aufgaben weiterhin beherrschen.
Er kann ruhig wirken.
Er kann kommunizieren.
Er kann sogar vollkommen überzeugt von seiner Entscheidung sein.
Und trotzdem kann genau jene Entscheidung objektiv schlechter sein als unter geringerer narkotischer Belastung.
Stickstoffnarkose ist nicht nur deshalb relevant, weil sie einen Taucher offensichtlich berauschen kann. Sie kann genau jene kognitiven Reserven beeinflussen, die benötigt werden, wenn der Tauchgang nicht mehr nach Plan läuft.
Kernaussage der Forschung
Stickstoffnarkose kann höhere kognitive Kontrollprozesse und Entscheidungsfähigkeit beeinträchtigen.
Experimentelle Untersuchungen zeigen eine reduzierte inhibitorische Kontrolle bereits bei 20 Metern sowie schlechtere Leistung in einer komplexen Entscheidungsaufgabe bei 30 Metern.
Die Fähigkeit zur Selbsteinschätzung ist dagegen nicht einfach „ausgeschaltet“. Einige Studien zeigen eine sinnvolle Wahrnehmung eigener Leistungsverschlechterung, andere zeigen, dass subjektive Bewertungen die spezifische Stickstoffwirkung nur unzureichend widerspiegeln.
Das eigentliche Risiko liegt deshalb nicht darin, dass ein narkotisierter Taucher grundsätzlich nichts mehr merkt. Es liegt darin, dass subjektives Vertrauen in die eigene Leistung kein zuverlässiges Maß dafür ist, wie gut das Gehirn eine komplexe Situation tatsächlich noch beurteilt.
Quellen
Ahti PA, Wikgren J.
Rapture of the deep: gas narcosis may impair decision-making in scuba divers.
Diving and Hyperbaric Medicine. 2023;53(4):306–312.
Vergleich der Entscheidungsleistung von Tauchern in fünf und 30 Metern anhand des Iowa Gambling Task.
Studie öffnen
Steinberg F, Doppelmayr M.
Executive Functions of Divers Are Selectively Impaired at 20-Meter Water Depth.
Frontiers in Psychology. 2017;8:1000.
Die Untersuchung fand eine selektive Verschlechterung der inhibitorischen Kontrolle in 20 Metern.
Studie öffnen
Vrijdag XCE et al.
EEG functional connectivity is sensitive for nitrogen narcosis at 608 kPa.
Scientific Reports. 2022;12:4880.
Die Untersuchung verglich hyperbare Luft und Heliox und zeigte objektive Veränderungen funktioneller Gehirnnetzwerke sowie Grenzen subjektiver Selbsteinschätzung.
Studie öffnen
Hobbs M, Higham PA, Kneller W.
Memory and Metacognition in Dangerous Situations: Investigating Cognitive Impairment From Gas Narcosis in Undersea Divers.
Human Factors. 2014;56(4):696–709.
Die Studie untersuchte Gedächtnis und Metakognition bei Tauchern in Tiefen von 33 bis 42 Metern.
Studie öffnen
Hamilton K, Laliberté MF, Fowler B.
Dissociation of the behavioural and subjective components of nitrogen narcosis and diver adaptation.
Undersea and Hyperbaric Medicine. 1995;22:41–49.
Die Arbeit untersucht die Beziehung zwischen subjektiver Narkosewahrnehmung, objektiver Leistung und möglicher Adaptation.
PubMed öffnen
Weiterführende Artikel der Stickstoff-Serie
Von der Wirkung des Stickstoffs im Gehirn über Narkose und Entscheidungsfähigkeit bis zur Gewebesättigung, Dekompression und Nitrox: Diese Serie betrachtet Stickstoff beim Tauchen Schritt für Schritt aus physiologischer und tauchpraktischer Sicht.